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Ist die Digitalisierung eine Evolution oder eine Revolution?

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Seit geraumer Zeit reißen die Diskussion über eine kommende oder schon stattfindende Digitale Revolution nicht mehr ab. Was bleibt von der menschlichen Arbeit noch übrig, wenn Programme, Maschinen und Roboter Tätigkeiten übernehmen, die heute noch von Menschen erledigt werden? Was sind die Jobs der Zukunft? Welche Qualifikationen werden zukünftig benötigt? Wie kann sich unsere Wirtschaft aufstellen, damit sie die digitale Revolution erfolgreich gestaltet?

Das Bundesministerium für Arbeit hat mit Vertretern aus Wirtschaft und Verbänden versucht, das Thema in seinen verschieden Facetten im „Weissbuch Arbeiten 4.0“ zu umreißen.

Inzwischen wird jedoch auch die Frage diskutiert, ob es sich bei dem, was wir derzeit vorgeführt bekommen oder erleben, überhaupt um eine digitale Revolution handelt? Handelt es sich nich vielmehr und vor allem um eine riesengroße Marketing-Kampagne von Beratungshäusern, Unerhaltungs- und IT-Industrie? Ist die Digitalisierung nicht ein Prozess, der bereits seit Jahrzehnten läuft?

Nicht nur bei den Bürgern, sondern auch in den Chefetagen und Strategieabteilungen von Wirtschaft und Politik herrscht offensichtlich große Verunsicherung darüber, was die aktuelle und was mögliche zukünftige Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung bedeuten könnten. Bei der Analyse der Situation ist man sich noch weitgehen einig[1]. Wenn es jedoch darum geht, gemeinsame Visionen, Strategien, Ziele und Maßnahmen zu formulieren und umzusetzen, fehlt es flächendeckend an einem einheitlichen Verständnis über Sinn, Nutzen oder Gefahren der Digitalisierung.[2]

Foto: selbst erstellte Grafik

Fakt ist, dass viele Unternehmen vor einer Mammutaufgabe und gleichsam vor einer Zerreißprobe stehen, die:

  • einerseits müssen sie ihre bestehenden Produkte und Dienstleistungen dramatisch verbessern und effizienter produzieren, um in globalisierten Märkten kurzfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
  • Andererseits müssen sie Innovation vorantreiben, neue Lösungen entwickeln, neue Märkte erschließen, um sich in Zukunft Ihr Überleben zu sichern.

Um diese Herausforderungen zu meistern, ist Ambidextrie, also Beidhändigkeit erforderlich. Innovationen und traditionelles Kerngeschäft existieren nebeneinander und ergänzen sich im Idealfall gegenseitig: „Die Evolution zahlt die Gehälter, die Revolution muss das zukünftige Business sichern.“[3]

Die Unternehmens-Umwelt ist „VUCA“

In der Fach- und Managementliteratur wird die komplexe Umwelt, in der viele Unternehmen in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung agieren, häufig mit dem Akronym „VUCA“ beschrieben. VUCA ist aus den Begriffen Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity zusammensetzt.[4]

Volatility steht für Volatilität oder Unbeständigeit. Gemeint ist damit, dass neue Wettbewerber unerwartet auf der Bildfläche erscheinen (aktuelles Beispiel: der Internet-Gigant Facebook hat angekündigt, eine eigene Dating-Plattform zu eröffnen). Dadurch ist zunehmend unsicher, ob die Kunden von Heute auch morgen noch Kunden sein wird und welche Produkte zu welchen Preisen der Wettbewerb auf den Markt bringt. Dadurch steigt der Innovations- und Preisdruck für viele Unternehmen.

Uncertainty steht für Ungewissheit. Die Ungewissheit bezieht sich darauf, dass das Marktumfeld sich sehr schnell entwickelt und immer schwieriger zu verstehen ist. Trotz Big Data ermöglichen Informationen über die Vergangenheit und Gegenwart immer weniger sichere strategische Prognosen für die Zukunft. D.h. die schnelle Entwicklung entwertet unser Wissen und führt dazu, dass man immer weiter lernen und anpassen muss. Dies führt dazu, dass Unternehmen immer taktischer aufstellen, sich selbst unter immer kurzfristigeren Erfolgsdruck setzen und diesen Druck an die Beschäftigten weitergeben. Aktuelles Beispiel: Keine der großen Hotelketten hat den schnellen Aufstieg von Airbnb oder Booking & Co. vorhergesehen. Ein Gutteil der Hotelkunden ging an Airbnb verloren, ein Gutteil der Marge der Hotels muss an Zwischenhändler, wie Booking oder Reiseportale, wie Holydaycheck abgetreten werden. Ohne die Vermarktungsmaschine der weltweit agierenden Zwischenhändler hätten die Hotels keine Chance mehr, an Kunden zu kommen. Für viele Arbeitnehmer*innen bedeutet diese Ungewissheit, dass Fähigkeiten, wie  Resilienz und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen existenziell wichtig geworden sind. 

Complexity. Die Wirtschaftskreisläufe, Zulieferketten werden immer komplexer und verzahnter. Aktuelles Beispiel: Ein Auto besteht aus mehr als 10.000 Teilen. Viele Teile werden von spezialisierten Zulieferfirmen aus der ganzen Welt bezogen, manches aber selbst hergestellt. Es entstehen vielschichtige gegenseitige Abhängigkeiten. Ein anderes bekantes Beispiel ist der Bau des Berliner Flughafens. Für die Arbeitgeber bedeutet dies einerseits eine kostenintensive Komplexität in Steuerung, Logisitik und Wettbewerb. Der Wettbewerb wird auch um die geeigneten Fachkräfte und Generalisten geführt, denen wiederum eine hohe Agilität und Flexibilität zum Verlassen der eigenen Komfortzone abverlangt wird.

Ambiguity steht für Ambiguität oder Mehrdeutigkeit und folgt aus den drei Faktoren, Unbeständigkeit, Ungewissheit und Komplexität. Mehrdeutigkeit macht es schwierig, komplexe Situationen einzuschätzen und klare Ursache-Wirkungszusammenhänge zu erkennen. Dadurch lassen sich Folgen des Handels nur schwer vorherzusagen und bisher erfolgreiche  Geschäftsmodelle laufen Gefahr, nicht mehr zu funktionieren. Daher müssen Unternehmen immer öfter neue und individuelle Lösungen suchen, ohne zu wissen, ob sie damit richtig liegen, ob sich die Investition lohnen wird Ein Beispiel ist die Musik, Video, Buch- und Verlagsbranche. Was und wie werden die Menschen in Zukunft konsumieren, was sind die richtigen Vertriebswege? Ein anders Besipiel ist das Thema Elektomobilität: ist unser eingeschlagener Weg der Förderung und Weiterentwicklung einer alten Technologie wirklich der richtige Weg in die Zukunft oder ist es eine riskante kurzfristige, politisch motivierte Fehlentwicklung? 

Was tun VUCA-Welt? VOPA plus!

Das VOPA plus-Modell stammt aus dem Buch „Management by Internet“ von Willms Buhse.[5] Danach sind die vier Elemente 

  • Vernetzung,
  • Offenheit,
  • Partizipation und
  • Agilität

elemantar wichtig für den Erfolg von Unternehmens- und Führungskultur im Zeitalter der Digitalisierung. Zahlreiche Wissenschaftler und Berater haben sich bereits Gedanken gemacht, wie sich Führungskräfte im Einzelnen aufstellen müssen, um in der digitalisierten Welt zu bestehen:

  • sich lernfähig auf Veränderungen einstellen und diese managen,
  • vernetzt und interdisziplinärer zusammenarbeiten,
  • emotional und beteiligungsorientiert führen,
  • eine offene Vertrauens- Feedback- und Fehlerkultur etablieren,
  • den Mitarbeitern mehr Selbständigkeit und Entscheidungsfreiheit geben und sie darin aktiv zu unterstützen
  • offen, transparent und konsequent Wissen weitergeben
  • auf Ziele fokussieren.

Es geht also darum, mit den Fliehkräften der digitalen Welt besser umgehen zu können, indem eine flexible und agile Führungskultur angewendet wird, welche die Potenzialentfaltung aller Mitarbeiter fördert und ihnen gleichzeitig mehr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung überlässt. Die Bedingungen dafür sind Offenheit, Transparenz und Vertrauen. Es geht also um Vernetzung, Offenheit, Partizipation, Agilität plus Vertrauen in die Motivation und Kompetenzen der eigenen Mitarbeiter.

Fazit: Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen und Potenzialentfaltung fördern.

Betrachtet man die Frage, ob es sich bei der Digitalisierung um eine Revolution oder eine Evolution handelt, mit Blick auf die eigene Handlungsfähigkeit, ist die richtige Antwort schnell klar: Die Empfehlung muss lauten: Kümmern Sie sich nicht um die Propheten, die eine Revolution ausrufen, sondern betrachten Sie das Thema Digitalisierung als Evolution. Digitalisierung ist ein Veränderungsprozess, der nicht vom Himmel fällt. Eine evolutionären Prozess kann man analysieren, man kann sich darauf einstellen, ihn vielleicht sogar beeinflussen. Ein Unternehmen, das die Potenzielentfaltung seiner Mitarbeiter*innen nachhaltig fördert, schafft die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklng einer flexiblen, agilen, resilienten und erfolgreichen Organisationsentwicklung.

Quellen

[1]Weitgehend besteht Einigkeit in der Sicht, dass den positiv bewerteten Analyse-Möglichkeiten von Big Data sehr viel Gefahren des Datenmissbrauchs gegenüberstehen. Dies zeigte sich z.B. im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch sog. Bots oder im Zusammenhang mit der Datenweitergabe von Facebook an Cambridge Analytica. Ebenso besteht weitgehend Einigkeit, dass der Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland viel zu langsam vorankommt. Bei der Frage, wer die notwendigen Investitionen unter welchen (Regulierungs-)Bedingungen zu tragen hat, gehen die Meinungen diametral auseinander. Den aktuellen Stand bei Ausbau des Netzes der Deutschen Telekom können Sie hier überprüfen.

[2]Eine differenzierte Diskussion über die Folgen der Digitalisierung für Entwicklung menschlicher Verhaltensweisen und Kommunikation führte Gert Scobel mit seinen Gästen am 3. Mai 2018 live auf der re:publica.Scobel. Der digitalisierte Mensch. Hier zu finden in der 3Sat-Mediathek: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=73353

[3]Duwe, Julia. Beidhändige Führung: Wie Sie als Führungskraft in großen Organisationen Innovationssprünge ermöglichen, Springer-Gabler Verlag, 2017, S. 1

[4]Ursprünglichentstand der Begriff VUCA in den 1990er Jahren in einer amerikanischen Militärhochschule und diente zunächst dazu, die multilaterale Welt nach dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben. Später breitete der Begriff sich auch in andere Bereiche strategischer Führung und auf andere Arten von Organisationen aus, vom Bildungsbereich bis in die Wirtschaft hinein. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/VUCAZugriff: 10.05.2018

[5]Quelle: https://zeitschriften.haufe.de/ePaper/personalmagazin/2016/429B08E0/files/assets/basic-html/page14.html, Zugriff: 10.05.2018

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