PotenzialentfaltungResilienz

Kennen Sie Ihre Grundbedürfnisse?

Wollen Sie sich besser kennen- und verstehen lernen? Wollen Sie als Führungskraft im Team die Potenzialentfaltung und Resilienz fördern? Dann ist es sinnvoll und hilfreich, dass Sie sich mit menschlichen Bedürfnissen und Motivationen beschäftigten. Eine gute Quelle dafür sind die Selbstbestimmungstheorien, die versuchen, positive menschliche Entwicklung zu erklären und zu unterstützen.

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Salutogenese nach Aaron Antonovsky

Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923–1994) prägte den Ausdruck „Salutogenese“ in den 1980er Jahren als komplementären[1] Begriff zur Pathogenese.[2] Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Risiko- und Schutzfaktoren stehen hierbei in einem Wechselwirkungsprozess.

Antonovsky wertete 1970 eine Untersuchung über die Anpassungsfähigkeit von Frauen verschiedener ethnischer Gruppen an die Menopause aus. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde festgesellt, dass eine der untersuchten Gruppen trotz der unvorstellbaren Qualen während des Lebens in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager sowie anschließendem Flüchtlingsdasein als (körperlich und psychisch) „gesund“ beurteilt wurden. Diese überraschende Beobachtung führte Antonovsky zu folgenden Fragen,

  • Speziell: welche Eigenschaften undRessourcen diesen Menschen geholfen hatten, unter den Bedingungen der KZ-Haft sowie in den Jahren danach ihre (körperliche und psychische) Gesundheit zu erhalten, sowie
  • Allgemein: wie entsteht Gesundheit?

So wurde, im Gegensatz, aber auch als Ergänzung zum Begriff der Pathogense der Begriff der Salutogenese, als die Frage nach der Entstehung von Gesundheit in die Wissenschaft eingebracht.

Antonovsky postulierte die Verfügbarkeit generalisierter Widerstandsressourcen, welche uns bei der Bewältigung von Stressoren aller Art und dass durch sie hervorgerufene Stresserleben unterstützen.

Zentral in Antonovskys Konzept der Salutogenese ist der sog. „Sense of Coherence“ (SOC)[3] welcher drei Aspekte hat:

  1. Die Fähigkeit, die Zusammenhänge des Lebens zu verstehen – das Gefühl der Verstehbarkeit.
  2. Die Überzeugung, das eigene Leben gestalten zu können – das Gefühl der Handhabbarkeit.
  3. Der Glaube an den Sinn des Lebens – das Gefühl der Sinnhaftigkeit.

Dieser „Sense of Coherence“ stand bei Antonovksy im Zentrum seiner Antwort auf die Frage, wie Gesundheit entsteht. Er sagt danach aus, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

  1. die einwirkenden Einflüsse und Anforderungen des Lebens vorhersehbar und erklärbar sind,
  2. man über die notwendigen Ressourcen verfügt, den Einflüssen und Anforderungen des Lebens erfolgreich zu begegnen,
  3. es sinnvoll und lohnenswert ist, sich diesen Einflüssen und Anforderungen mit Engagement und Anstrengung zu stellen.

Soll das Gefühl von Kohärenz entstehen, sind nach Antonowsky Bedingungen auf drei Ebenen zu erfüllen:

Verstehens-Ebene Bewältigungs-Ebene Sinn-Ebene
Meine Welt ist verständlich, stimmig, geordnet; auch Probleme und Belastungen, kann ich in einem größeren Zusammenhang sehen. Das Leben stellt mir lösbare Aufgaben und ich verfüge die notwendigen Ressourcen, um diese Aufgaben zu lösen. Es gibt Aufgaben, für deren Bewältigung meine Anstrengungen und mein Engagement sinnvoll sind und sich lohnen.

 

Das Konzept der Salutogenese ist ein zentraler Aspekt der Positiven Psychologie.

Bedürfnisbefriedigung nach Abraham Maslow

Das bekannteste Modell ist wohl die „Bedürfnispyramide“ nach dem US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908–1970). Sie beschreibt menschliche Bedürfnisse und Motivationen und versucht, diese zu erklären. Die, nicht von Maslow selbst stammende Form der Pyramide könnte den Eindruck erwecken, dass zunächst das Bedürfnis einer unteren Stufe zunächst vollständig befriedigt sein muss, bevor das Bedürfnis der nächsten Stufe befriedigt werden kann. Dieser Eindruck ist falsch. Das wird schnell klar, wenn man sich bewusst macht, dass keines der Bedürfnisse ständig befriedigt sein kann. Gemeint ist eher, dass die Bedürfnisse der nächsten Kategorie motivierend in Erscheinung treten, wenn die Bedürfnisse der vorherigen Kategorie zu überwiegend befriedigt sind. Kurz vor seinem Tod hat Maslow die Bedürfnisse erweitert um das Bedürfnisse nach Transzendenz (nach Selbstverwirklichung) sowie um ästhetische und kognitive Bedürfnisse (vor Selbstverwirklichung).[4]

Grafik von: Phillip Gutman auf Wikipedia.org[5]
Physiologische Bedürfnisse Sicherheits-bedürfnisse Soziale Bedürfnisse Individual-bedürfnisse Selbst-verwirklichung
Atmen, Trinken, Essen, Schlafen, Sexualität. Sicherheit für Leib und Leben, Familie, Gesundheit, Besitz, Arbeitsplatz. Freundschaft, Familie, Liebe, Zuneigung, Geborgenheit (Geben und Empfangen). Anerkennung, Selbstwert, Erfolg, Leistung, Unabhängigkeit, Freiheit, Ansehen. Ausschöpfen des eigenen Potenzials, Kreativität, Moralisches Handeln.

 

Selbstbestimmungstheorie von Richard M. Ryan und Edward L. Deci

Aufbauend auf Maslow gibt es neuere psychologische Theorien, die mit dem Konzept von Grundbedürfnissen arbeitet, wie die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan. Diese Autoren grenzen Grundbedürfnisse von individuellen Bedürfnissen, Motiven und Wünschen ab. Grundbedürfnisse sind universell in allen Menschen, unabhängig von Kultur, Geschlecht oder Alter vorhanden. Deci und Rayn postulieren drei Grundbedürfnisse:[6]

 

Autonomie, Selbstbestimmung Kompetenz Soziale Eingebundenheit
Im Einklang mit den inneren Werten entscheiden, das Handeln kann proaktiv oder reaktive sein, entscheidend ist das Gefühl der Freiwilligkeit. Autonomie erfolgt im Rahmen sozialer Interaktion, die Kompromissbereitschaft erfordert. Förderlich für die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Autonomie ist das Erleben von Entscheidungsfreiheit und Wahlmöglichkeit Das Gegenteil von Autonomie ist Fremdbestimmung. Sich wirksam erleben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erleben. Die Wirksamkeit des eigenen Handelns erfahren – bei positivem und bei negativem Ergebnis. Förderlich für die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Kompetenz sind Herausforderungen die im Schnittpunkt von Fähigkeit und Möglichkeit liegen. D.h., die Herausforderung sollte weder zu leicht noch zu schwer sein. Das Gegenteil von erlebter Kompetenz ist erlebte Hilflosigkeit. Verbunden sein, sich zugehörig fühlen, die Erfahrung vertrauensvoller Zuneigung und Fürsorge. Förderlich für die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Bindung ist das Erleben menschlicher Zuneigung, Akzeptanz und Empathie. Dabei kommt es auf das Geben und das Nehmen an. Das Gegenteil erlebter Bindung ist die erlebte Isolation oder das Gefühl der sozialen Ausgrenzung.

 

Nach der Selbstbestimmungsthorie hängt die Motivation für ein bestimmtes Verhalten immer davon ab, ob und wie sehr bei einem Verhalten die psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Autonomie befriedigt werden können. Die Erfüllung der Grundbedürfnisse trägt zur psychischen Gesundheit und persönlicher Entwicklung bei. Ein längerfristiges Defizit bei der Erfüllung eines oder mehrerer Grundbedürfnisse zu psychischen oder auch physischen Problemen. Die Grundbedürfnisse sind jedoch nicht nur wichtige Faktoren für die psychische Gesundheit, sondern sind auch intrinsische Antreiber menschlichen Handelns. „Anders gesagt bedeutet dies, dass Menschen, wenn sie in einer unterstützenden Umwelt leben und sich frei entwickeln können, so handeln, dass sie ihre Grundbedürfnisse nach Bindung, Autonomie und Kompetenz erfüllen.“[7]

Der Konsistenzbegriff nach Klaus Grawe

Der deutsche Psychologe und Neurowissenschaftler Klaus Grawe nennt in seinem wegweisenden Werk „Neuropsychotherapie“ vier psychische Grundbedürfnisse, bei denen er sich auf die Arbeiten von Seymour Eppstein bezieht:

–      Bedürfnis nach Orientierung, Kontrolle und Kohärenz

–      ein Bedürfnis nach Lust

–      ein Bedürfnis nach Bindung

–      ein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung[8]

Grawe bezeichnet das, was Eppstein noch als Kohärenz bezeichnete, als Konsistenzprinzip. Er verändert Eppsteins Konzept dahingehend, dass er das Kohärenzbedürfnis auf eine höhere Ebene und es als Konsistenzprinzip bezeichnet.

Die vorgenannten Grundbedürfnisse beziehen sich nach Grawe auf Erfahrungen des Organismus in der Interaktion mit seiner Umwelt, denen, bezogen auf die vier Grundbedürfnisse, Wahrnehmungen mit positiver oder negativer Bedeutung zugeordnet werden können. Bei der Konsistenz sei dies nach Grawe nicht der Fall:

„Konsistenz bezieht sich auf die Relationen intrapsychischer Prozesse und Zustände untereinander. Bedürfnisse werden befriedigt oder verletzt durch einschlägige sensorische Erfahrungen. Es gibt ab er keine spezifischen Erfahrungen, die ein Bedürfnis nach Konsistenz befriedigen. Obwohl der menschliche Organismus Zustände von Konsistenz stark bevorzugt und viele Mechanismen entwickelt hat, um Inkonsistenz zu vermeiden, obwohl also das psychische System sich so verhält, als ob es nach Konsistenz strebe und obwohl dauerhafte Zustände von Inkonsistenz Wohlergehen und Gesundheit stark beeinträchtigen, kann Konsistenz nicht einfach neben die anderen Grundbedürfnisse gestellt werden. Man könnte eher von einem grundlegenden Prinzip der der innerorganischen Regulation sprechen, das allen Grundbedürfnissen übergeordnet ist. Wenn Grundbedürfnisse als Erfordernisse der menschlichen Existenz ansieht, als Bedingungen dafür, dass ein Mensch gut gedeihen kann, dann könnte man auch ein „Streben nach Konsistenz“ als ein menschliches Grundbedürfnis bezeichnen.“[9]

An den diesen letzten Punkt knüpft Denis Mourlane an, indem er das Bedürfnis nach Kohärenz (bzw. Konsistenz i.S.v. Grawe) als „Metabedürfnis“, auf Ebene der vier anderen Grundbedürfnisse ansiedelt, welches sich im Streben nach Balance ausdrückt. Als Beispiel für die Verletzung des Bedürfnisses nach Konsistenz nennt Mourlane u.a. den Fall, dass ein Vorgesetzter von seinen Teammitgliedern absolute Pünktlichkeit verlangt, selbst aber häufig zu spät zu Meeting erscheint. In diesem Fall wäre nicht das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle verletzt (die Mitarbeiter wissen, was von ihnen erwartet wird), sondern das Bedürfnis nach Kohärenz, denn die Führungskraft tut nicht, was sie predigt und legt ein inkohärentes Verhalten an den Tag. Der Ärger, der in den Mitarbeitern entsteht aufgrund der sensorischen Erfahrung, dass das Verhalten des Vorgesetzten ihr Bedürfnis nach Kohärenz verletzt.[10]

Zu jedem einzelnen der Grundbedürfnisse haben Menschen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten.  In der folgenden Tabelle werden diese in ihren Extremformen mit Beispielsätzen verdeutlicht.[11] Will man seine „Komfortzone“ verlassen, geht es häufig darum, ein bisher gezeigtes Vermeidungsverhalten aufzugeben oder ein bisher gezeigtes Annäherungsverhalten abzulegen. Eine wirkungsvolle, aber für die betroffene Person sehr herausfordernde Methode, mehr  Balance bezüglich der Grundbedürfnisse herzustellen, ist das Habituationstraining. Darin wird beispielsweise eine Person, die unter Höhenangst leidet, immer wieder mit Situationen konfrontiert, die diese Angst auslösen. Hinter diesem Vorgehen steht die vielfach bestätigte Annahme, dass durch die intensive Konfrontation die gefürchteten Gedanken ihre Bedrohlichkeit verlieren.[12]

Bindung Orientierung / Kontrolle Selbstwert-erhöhung Lustgewinn / Unlustvermeidung Kohärenz / Konsistenz
„Du musst Konflikte unbedingt vermeiden.“ (Annäherung) „Du kannst niemandem vertrauen.“ (Vermeidung) „Hab immer alles unter Kontrolle.“ (Annäherung) „Leg Dich nicht fest.“ (Vermeidung) „Zeig, was Du kannst.“ (Annäherung) „Lass liebe die anderen machen.“ (Vermeidung) „Hauptsache Spaß im Leben.“ (Annäherung) „Das Leben ist kein Zuckerschlecken“ (Vermeidung) „Die Welt muss immer gerecht und fair sein.“ (Annäherung) „Nichts ist vorhersagbar, es zählt nur Flexibilität“ (Vermeidung

Fazit

  • Die Auseinandersetzung mit den Bedürfnistheorien bietet ein gute Grundlage für das Verständnis eigener Emotionen sowie für die Emotionen von Menschen im privaten oder beruflichen Umfeld.
  • Psychische Grundbedürfnisse sind universelle Grundbedürfnisse, vergleichbar zu den physiologischen Grundbedürfnissen. Ihre Befriedigung (oder Vernachlässigung) hat unabhängig von Alter, Geschlecht und kultureller Prägung einen großen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden sowie die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit.
  • Die Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse fördert die intrinsische Motivation, das eigene Leben pro-aktiv zu gesalten, sich Ziele zu setzen und diese erreichen zu wollen.
  • Speziell für Führungskräfte liegt in der Kenntnis, Wahrnehmung und Förderung der physiologischen Grundbedürfnisse ein starker Hebel zur positiven Unterstützung von Potenzialentfaltung und Teamentwicklung.

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Quellen

[1] Unter Komplementarität versteht man zwei (scheinbar) widersprüchliche, einander ausschließende  Beschreibungsweisen, die aber in ihrer wechselseitigen Ergänzung zum Verständnis eines Phänomens im Ganzen notwendig sind. Zwei komplementäre Eigenschaften gehören zusammen, sofern sie dasselbe „Objekt“ betreffen, jedoch kausal nicht voneinander abhängig sind. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Komplementarität. Zugriff: 01.05.2018)

[2] Die Pathogenese beschreibt die Entstehung und Entwicklung einer Krankheit mit allen daran beteiligten Faktoren. Zu diesen Faktoren zählt auch die Beobachtung des Krankheitsverlaufs, insbesondere in ursächlicher Hinsicht. (Quelle: Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Pathogenese. Zugriff: 01.05.2018)

[3] Der englische Begriff Sense of Coherence (SOC), den Antonovsky als „Kohärenzkonzept“ ins Zentrum seines Konzeptes gestellt hat, hat zwei unterschiedliche Bedeutungsinhalte: 1. einen Sinn für Kohärenz (Stimmigkeit, Zusammenhalt) und 2. ein Gefühl von Kohärenz. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Salutogenese. Zugriff: 01.05.2018)

[4] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bedürfnishierarchie.

[5] Grafik von Phillip Gutman, 16. Oktober 2016. Zugriff: 03.05.2018. Es gelten die unter dem nachfolgende genannten Link gemachten Lizenzbedingungen: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Dynamische_Beduerfnishierarchie_-_Maslow.svg. Dort genannte Quelle: Dynamische Bedürfnishierarchie nach Abraham Maslow in Anlehnung an Krech, D./Crutchfield, R. S./Ballachey, E. L. (1962), Individual in society, Tokyo etc. 1962, S. 77.

[6] Vgl. Blickhan, Blickhan, Daniela. Positive Psychologie: Ein Handbuch für die Praxis, Paderborn. Junferman Verlag, 2015,S. 125

[7] Vgl. ebenda S. 124.

[8] Vgl. Grawe, Klaus. Neuropsychotherapie. Göttingen, Hogrefe Verlag, 2004, S. 186

[9] Zit. ebenda aaO.

[10] Vgl. Mourlane, Denis. Emotional Leading: Die Kunst, sich und andere richtig zu führen. München: DTV Verlagsanstalt, 2015, S. 45 f.

[11] Zit: ebenda S. 119.

[12] Vgl. ebenda S. 109.

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